"Aber gefeiert muss werden"

#AufUnsAchten

Thorsten Nolting rät dazu, in schweren Zeiten mit anderen zu sprechen. Foto: Erol Gurian

Zwei Jahre Pandemie haben das Leben für viele Menschen mühsam gemacht, täglich hören und sehen wir Schreckensnachrichten aus Kriegsgebieten wie der Ukraine, gleichzeitig leben wir in unsicheren Zeit der drohenden Klima-Katastrophe. In dieser Serie stellen wir unsere Expertinnen vor, die aus ihrer Sicht erklären, wie man Balance hält. Im ersten Teil gibt Thorsten Nolting persönliche Antworten.

Wir sehen gerade sehr viel Leid: etwa in der Ukraine, aber auch an vielen anderen Orten der Welt. Viele von uns leiden mit und manchmal stellt sich die Frage: Darf ich es mir angesichts dieses Leidens auch gut gehen lassen?

Thorsten Nolting: Meine Haltung ist: Ja, bei allen Sorgen, die wir derzeit haben, kann man es sich immer auch gut gehen lassen. Aber ich finde auch, dass solche Ereignisse uns auch mitnehmen dürfen. Es wäre merkwürdig, wenn man sich demgegenüber verschließen würde. Als Menschen lassen wir uns natürlich vom Leid anderer berühren. Dann stellt sich die Frage: Wie kann ich in dieses Mitleiden hineingehen, ohne mich darin zu verlieren? Wo muss ich mich selbst schützen? Es gibt Menschen, die sind wahnsinnig resilient und wissen sehr genau, wann sie auf sich aufpassen müssen. Und es gibt andere, die merken erst, dass sie richtig erschöpft sind, wenn sie zu weit gegangen sind. Man muss sich selbst kennenlernen und zulassen, was man braucht. Wenn ich weiß, ich brauche jetzt ein freies Wochenende, weil ich mich so sehr in die Nachrichtenwelt hineinbegeben habe, mich vielleicht auch persönlich engagiert habe für jemanden, dann finde ich, dann sollte man dem auch nachgeben. Sonst fehlt einem irgendwann die Kraft.

Gerade mit Blick auf die Ukraine erleben wir eine große Hilfsbereitschaft. Die Kolleginnen am Anfang ihres Berufslebens haben solch intensive Zeiten im Job noch nicht erlebt. Was raten Sie diesen Menschen, die jetzt womöglich an ihre Grenzen kommen?

Mein großer Rat ist: Sprich‘ mit anderen und lass‘ dir auch etwas sagen. Das ist ganz wichtig, um Distanz zu sich und seinen Emotionen zu bekommen. Wenn Freunde sagen: Du musst mal wieder schwimmen gehen, Gitarre spielen, eine Theateraufführung sehen oder was auch immer - dann mach‘ das bitte. Und wenn du etwas machst, dann mache es richtig. Wenn du freimachst, dann richtig. Wenn du eine Pause brauchst, schau‘ dir keine Mails an und vielleicht auch keine Fernsehnachrichten. Dann merkt man selbst, wann die Erholung einsetzt. Es gibt natürlich Situationen, in die man sich mit allem hineinstürzen muss, weil ganz dringend und konkret etwas gebraucht wird, aber ansonsten sollte man immer schon genau hinschauen, was man selbst braucht.

Sie haben eben schon einmal angesprochen, dass man als Christinnen und Christen im Angesicht des Leids nicht wegschaut. Die Passionszeit führt uns das Leid noch einmal besonders vor Augen. Was kann man aus dieser christlichen Tradition für die jetzige Situation mitnehmen?

Das ist wirklich eine Stärke des christlichen Glaubens, dass wir dem Leid nicht ausweichen; dass wir auch bei fremden Leid nicht wegschauen. Das Mitleiden ist ein wichtiger Teil unserer Zugewandtheit, den wir in der Passionszeit einüben. Gesellschaftlich ist das eher verpönt. Die Meisten gehen davon aus: Du musst dich selbst steuern, dich selbst optimieren, dein Erfolg ist wichtig. In der Passionszeit lernen wir den Umgang mit dem Leid, dem eigenen, aber auch dem der anderen. Wir lernen, das Leid aus unserem Leben nicht auszusperren und solidarisch zu werden.

Passionszeit ist Fastenzeit, eine Zeit, in der viele auf liebgewonnene Gewohnheiten verzichten. In der Pandemie haben wir alle viel Verzicht gelernt in dieser Gesellschaft, die vom Überfluss geprägt ist. Wie haben Sie als Seelsorger diese Zeit des Verzichts erlebt?

Zunächst finde ich es großartig, wie viele Menschen bereit waren zu verzichten, um ältere und vulnerable Menschen zu schützen. Natürlich gab es rechtliche Rahmensetzungen, aber viele Menschen haben bewusst zu Gunsten anderer verzichtet. Gerade die Kinder und Jugendlichen waren wahnsinnig tapfer. Diese große Solidarität in der Gesellschaft ist sehr berührend. Die Frage drängt sich auf: Was kommt nach dem Verzicht? In der Passionszeit – und besonders am Karfreitag - nehmen wir auch den eigenen Tod, die eigene Endlichkeit in den Blick. Und danach an Ostern erfahren wir: Gott schenkt ständig Leben. Als Christ war es für mich der größte Verzicht, dass wir Ostern, und damit den Wechsel in eine bessere Zeit, nicht fröhlich miteinander feiern konnten. Und das zwei Mal. Natürlich hat das einen ganz andere Dimension, wenn wir jetzt in die Ukraine schauen. Wenn Krieg ist, dann ist jeder Tag schrecklich. Aber grundsätzlich haben wir als Gesellschaft einen Rhythmus und zu diesem Rhythmus gehört neben dem Verzicht auch das Feiern. Das ist gut so. Dieser Wechsel im christlichen Jahreslauf hat eine tiefe Weisheit und Menschlichkeit. Man spürt gerade eine riesige Sehnsucht danach so vielen Einschränkungen wegen Corona, endlich wieder ausgelassen fröhlich sein zu dürfen.

Inwieweit kann sich diese Sehnsucht Ostern 2022 erfüllen?

Es ist vielleicht noch nicht die Zeit, im Überschwang zu feiern. Es gibt eine Fröhlichkeit und Innigkeit, die man angesichts von Krieg und Leid auch in Maßen ausdrücken kann. Aber gefeiert muss werden.

Interview: CR


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