"Nie wieder ist jetzt."

Gedenkfeier "Schüler*innen erinnern"

Kerzen auf der Gedenkfeier an Opfer und Verfolgten des Nationalsozialismus in Herzogsägmühle.

Anlässlich des Tages des Gedenkens der Opfer des Nationalsozialismus erinnern die Schüler*innen des Welfen-Gymnasiums Schongau Verfolgten des Nationalsozialismus. Die Jugendlichen geben Opfern mit einer Namenslesung und der Vorstellung von Kurzbiografien ein Gesicht.

Deutschlandweit gehen Menschen gegen Rechtsextremismus auf die Straße. In München muss die Demonstration wegen Überfüllung geschlossen werden.

Die aktuellen Ereignisse bewegen, schockieren und rufen Erinnerungen wach - Erinnerungen an eine Zeit, die sich niemals wiederholen sollte. Bei der Demonstration vereinen sich Hunderttausende und rufen gemeinsam: "Nie wieder ist jetzt!" ein klares Zeichen gegen rechte Tendenzen setzend.

Auch in Herzogsägmühle warnen die Schüler*innen des Welfen-Gymnasiums Schongau eindringlich: "Nie wieder ist jetzt!" Anlässlich des Gedenktages der Opfer des Nationalsozialismus fand am 23. Januar 2024 in Herzogsägmühle eine Gedenkfeier am sogenannten „Ort der Erinnerung“ statt. Dieser dokumentiert die Namen der bisher bekannten in oder durch Herzogsägmühle im Nationalsozialismus zu Tode gekommenen oder verfolgten Menschen.

Die Schüler*innen lesen nach und nach die Namen von Verfolgten und Opfern des Nationalsozialismus vor und erzählen ihre Lebensgeschichten. Die Kurzbiografien der Opfer haben sie anhand von Originaldokumenten aus dem Archiv der Diakonie Herzogsägmühle im Rahmen des wissenschaftlichen Seminars der Oberstufe am Welfen Gymnasium Schongau mit dem Titel "Der Nationalsozialismus und die Gesundheitspolitik: Erinnerung an die Opfer und Verfolgten" selbst recherchiert. Das Seminar fand unter Leitung von Walter Ludwig und Babette Müller-Gräper statt.

Herzogsägmühle war von 1934 bis 1945 unter der Trägerschaft des Landesverbandes für Wander- und Heimatdienst ein Instrument einer Gesundheitspolitik des "Ausmerzens" und fungierte auch als "Sammel- und Sichtungsstation" und zentrale Verteilungsstelle innerhalb eines Netzwerkes von Einrichtungen zwischen NS-Terrorapparat, Strafvollzug, Gesundheitsfürsorge und Psychiatrie. Das NS-Regime duldete keine sozialen "Minderleister". Arme Menschen wurden, wenn sie den Fürsorgeeinrichtungen zur Last fielen, als sozial minderwertig eingestuft und verfolgt.

Während der elf Jahre des Bestehens des Landesverbandes für Wander- und Heimatdienst durchliefen 10.000 bis 12.000 hilfsbedürftige Jugendliche und Erwachsene die so genannten "arbeitsfürsorgerischen Maßnahmen". Aufgrund eines sehr lückenhaften Nachlasses können dazu nur ungefähre Angaben gemacht werden. Für Herzogsägmühle ist bekannt, dass von diesen Menschen mindestens 430 Männer den Aufenthalt nicht überlebten.


Andreas Kurz, Geschäftsführer der Diakonie München und Oberbayern, hat 2014 den Lernort Sozialdorf Herzogsägmühle ins Leben gerufen. Dieser hat es sich zur Aufgabe gemacht, die 128-jährige Geschichte von Herzogsägmühle zu erforschen, aufzubereiten und erlebbar zu machen. Der Lernort möchte einen Beitrag zu aktuellen Debatten um Inklusion und soziale Verantwortung leisten.

Andreas Kurz zeigte sich tief bewegt und dankbar über das Engagement der Schüler*innen des Welfengymnasiums. Vor zehn Jahren hätte er bei Gründung des Lernortes nicht zu träumen gewagt, dass eine junge Generation von Schüler*innen der Erforschung von Lebensgeschichten annimmt - Lebensgeschichten von Menschen unserer Region, die im Dritten Reich aufgrund ihrer sozialen Einschränkungen oder Erkrankungen verfolgt und getötet wurden.

"Dass diese jungen Menschen sich so engagiert für diese Erkenntnisse einsetzen, dass sie sich trotz Abiturvorbereitung Zeit nehmen, zu einer Gedenkveranstaltung nach Herzogsägmühle einladen und dort die Ergebnisse ihrer Facharbeiten der Öffentlichkeit vorstellen, ist bemerkenswert“, so Kurz.


Genauso wenig hätte er jedoch erwartet, dass zehn Jahre später, im Jahr 2024, das Wort "Deportation" wieder in öffentlichen Diskussionen auftaucht. "Dass sich nach den Aussagen rechtsnationaler Parteien ein Träger sozialer Arbeit wie wir für unsere Arbeit mit Menschen mit Behinderungen rechtfertigen muss, die wir im sozialstaatlichen Auftrag umsetzen. Dass Menschen für ihr Engagement für geflüchtete Menschen diskreditiert und bedroht werden", betont Kurz.

Eine der Schüler*innen, Jennifer, trägt die Biografie von Wilhelm Zorichta vor. "Er wusste, dass er höchstwahrscheinlich niemals Freiheit erleben würde. Er wusste auch, dass er höchstwahrscheinlich sterben würde", erzählt sie. Jennifer erklärt bewegt: "Ich hätte nie gedacht, dass mich das Schicksal eines Menschen so mitnehmen könnte."

Zum Abschluss entzündet jede/r Schüler*in eine Kerze, die Lichter werden um den „Ort der Erinnerung“ herum aufgestellt. Die Kerzen stammen aus der Licht- & Wachsmanufaktur Herzogsägmühle.