Drei Fragen an...
Simone Strommer und Martin Gerl

Der Sozialpsychiatrische Dienst und die Psychosoziale Beratungsstelle – Suchtberatung Schongau feiern ihr 30-Jähriges. Drei Fragen an Simone Strommer und Martin Gerl über Meilensteine, gesellschaftliche Entwicklungen und den Umgang mit psychischen Krisen.
Simone Strommer: Unsere Arbeit begann mit einer Außensprechstunde, heute sind wir an fünf Tagen die Woche mit 1,5 Fachkräften in Schongau vor Ort. Ein weiterer Meilenstein war 2020 die Einführung der Außensprechstunde in Peiting. Was mich besonders freut: Inzwischen konnten wir eine Gerontogruppe speziell für ältere Menschen in Schongau etablieren. Insbesondere mit Blick auf eine älter werdende Gesellschaft ist das ein wegweisender Schritt.
Martin Gerl: Unsere Suchtberatung in Schongau startete 1995 als Außenstelle der Beratungsstelle in Weilheim. Damals noch mit einzelnen Tagen pro Woche. Das war ein großer Gewinn, weil von diesem Zeitpunkt an Ratsuchende im gesamten Landkreis und auch im Raum Schongau besser erreichen konnten – quasi vor der Haustür. Die unkomplizierte Erreichbarkeit war für Menschen mit Suchtthemen enorm wichtig. So konnten wir die Beratungsstelle innerhalb von kurzer Zeit etablieren. Wichtige Meilensteine waren auch der Aufbau eines tragfähigen Netzwerks mit Ärzt*innen und sozialen Einrichtungen sowie der Umzug in das „Domizil“ in der Dominikus-Zimmermann-Straße. Dort bilden wir mit dem Sozialpsychiatrischen Dienst und weiteren Einrichtungen der Diakonie München und Oberbayern ein Beratungszentrum mitten in Schongau. Heute ist unsere Beratungsstelle mitten in der Stadt fünf Tage pro Woche geöffnet. Insgesamt sind vier Berater*innen für ratsuchende Menschen im Einsatz.
Wie hat sich der gesellschaftliche Blick auf psychische Erkrankungen und Sucht in dieser Zeit verändert?
Simone Strommer: Die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen ist zurückgegangen. Menschen trauen sich heute auch mehr, Hilfe anzunehmen. Das liegt auch daran, dass psychische Erkrankungen gesellschaftlich ein Stück weit anerkannter sind. Auch die Zusammenarbeit mit Hausärztinnen und -ärzten ist enger geworden. Sie überweisen regelmäßig Patientient*innen an uns.
Martin Gerl: Gleichzeitig fehlt es in der Öffentlichkeit oft noch an Wissen über Suchterkrankungen, aber auch über psychische Erkrankungen und darüber, welche Behandlungschancen es gibt. Aber: Heute gibt es mittlerweile ein gutes, verlässliches Hilfesystem für Betroffene wie für Angehörige. Früher kamen Menschen vor allen wegen Alkohol, Cannabis und Heroin zu uns in die Beratung. Das hat sich geändert. Alkoholbezogene Probleme stehen zwar nach wie vor an erster Stelle, aber medikamenten-bezogene Probleme und Suchtverhalten mit Medien und im Internet sind inzwischen ein häufiges Thema unserer Beratungen. Das gab es so vor 30 Jahren noch nicht. Wir haben uns darauf natürlich fachlich eingestellt. Und: Digitale Beratung ist heute selbstverständlich. Ratsuchende können mit uns chatten, Videoberatungen nutzen oder sich per E-Mail melden.
Zum Jubiläum haben Sie einen Fachtag für Ärztinnen und Ärzte veranstaltet. Der Titel lautete: „Krise – Gefahr oder Chance?“. Wie fällt Ihre persönliche Antwort aus?
Simone Strommer: Krisen haben immer zwei Seiten. Auf der einen Seite steht die Gefahr – etwa Suizidalität, Fremdgefährdung, soziale Isolation oder der Verlust von Arbeit und Wohnung. Auf der anderen Seite kann eine Krise auch ein Wendepunkt sein. In solchen Momenten entsteht oft Raum für Veränderung, neues Selbstbewusstsein und damit auch für bessere soziale Beziehungen.
Martin Gerl: Der Titel des Fachtags sollte genau diese Bandbreite aufzeigen. Krisen kennen wir ja alle, denn die meisten Menschen erleben immer wieder krisenhafte Veränderungen. Wenn es um psychische Krisen geht, können die Gefahren allerdings sehr ernsthaft sein. Es geht dann darum, die Krise gut zu meistern. Das muss niemand alleine schaffen. Gerade dafür gibt es ja Beratungsdienste wie uns. Unser Ziel ist es, dass aus der Krise eine Chance für neue Entwicklung wird.
Diakonie München und Oberbayern - Innere Mission München e.V.
Landshuter Allee 40
80637 München

