"Eine Welle der Hilfsbereitschaft brach über uns herein"
Lisa Ramzews erinnert sich an 2015

2015 kamen mehr als 890.000 geflüchtete Menschen nach Deutschland, vor allem aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. In München wurde die ehemalige Bayernkaserne zur zentralen Aufnahmestelle – mittendrin arbeitete Lisa Ramzews. Im Interview erinnert sie sich an Improvisation und eine Welle der Solidarität.
Frau Ramzews, waren Sie in der Stelle für Flucht und Migration auch nur halbwegs auf die große Zahl von Menschen vorbereitet, die 2015 nach München geflohen sind oder wurden Sie völlig überrascht?
LISA RAMZEWS: Es war absehbar, dass immer mehr Menschen kommen würden. Und trotzdem überrascht es einen, wenn es dann tatsächlich passiert. Aber es gehört zur DNA der Diakonie, flexibel zu reagieren und sich jeder Herausforderung zu stellen. Deshalb haben wir uns schnell in der neuen Situation zurechtgefunden.
Sie haben gesagt, es hat sich abgezeichnet, dass eine Flüchtlingsbewegung kommt. Wie haben Sie sich vorbereitet?
Wir haben vorab mit den zuständigen Behörden gesprochen, die unsere Stellen, und konnten so bereits 2014 mehr Personal einstellen. Mit der Regierung von Oberbayern, die für die Aufnahme der geflüchteten Menschen zuständig war, haben wir sehr gut zusammengearbeitet. Die Aufgaben wurden auf viele Schultern verteilt. Hinzu kamen viele ehrenamtliche Helfer*innen, die von diesem Thema berührt waren und ihre Kräfte zur Verfügung gestellt haben.
Wie muss man sich die Situation vor zehn Jahren vorstellen? Die Menschen kamen also zunächst in die staatlichen Aufnahmestellen.
Anfangs war nur ein einziges Gebäude belegt, doch nach und nach wurden weitere Häuser auf dem Gelände hergerichtet, bis schließlich alle genutzt wurden. Wir vom Sozialdienst der Diakonie waren zunächst in Haus 45 untergebracht, später in Haus 58, wo auch das Kinderzimmer war. Wir waren also mitten unter den geflohenen Menschen. Wir fungierten dort als zentrale Beratungsstelle, zu der man dann einfach gekommen ist.
Was gab es als erstes zu tun? Was waren die dringendsten Bedürfnisse, die die geflüchteten Menschen hatten?
Das waren ganz klar die Grundbedürfnisse: Essen, Kleidung, Schlafen. Zimmer waren ja da, aber insbesondere Kleidung fehlte. Also musste eine Kleiderausgabe organisiert werden. diakonia – ein Tochterunternehmen der Diakonie – hat Kleiderspenden gesammelt und sie in Halle 36 ausgegeben. Dazu kamen die ganz normalen alltäglichen Probleme von A bis Z, von Asylantrag bis Zahnschmerz. Da war jeder Buchstabe vertreten: G für Geburt, K für Krankheit, T für Tod. Man darf auch nicht vergessen: Die Menschen kannten uns nicht, nicht unsere Gesellschaft. Sie sprachen unsere Sprache nicht. Auch wir konnten ihre Sprachen nicht, und mit Englisch kam man selten weiter. Wir mussten uns um ehrenamtliche Dolmetscher*innen bemühen. Damals gab es keinen Google-Übersetzer auf dem Handy. Wir haben in der Münchner Bevölkerung dazu aufgerufen, wer diese Sprachen spricht, möge sich melden. Und daraufhin haben sich neben anderen Menschen auch viele ehemalige geflüchtete Menschen gemeldet. Insgesamt konnte man sagen: Es brach eine Welle der ehrenamtlichen Hilfsbereitschaft über uns herein.
Die Stimmung in der Bevölkerung war offenbar sehr positiv, sehr aufgeschlossen gegenüber den Ankommenden?
Vor zehn Jahren wurde München wirklich zur Weltstadt mit Herz. Das hat mich sehr stolz gemacht. Die positive Stimmung, dass geflüchtete Menschen zu uns kommen und dass wir sie willkommen heißen und dass wir darüber nachdenken, sie in unsere Gesellschaft zu integrieren, das war unglaublich, das war ein richtiger Aufbruch.
Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine kam es 2022 zu einer weiteren Flüchtlingsbewegung.
2022 sind rund eine Million Menschen aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Sie erhielten sofort einen Aufenthaltstitel, konnten in privaten Wohnungen leben, arbeiten und auf soziale Leistungen zugreifen, ohne ein reguläres Asylverfahren durchlaufen zu müssen. Dieses Prozedere hat Fragen aufgeworfen. Es gab viele Menschen aus Syrien, die gesagt haben, das ist doch der gleiche Krieg. Der Putin hat auch bei uns mitgemischt, warum muss ich einen Asylantrag stellen und die anderen nicht. Die Herausforderungen durch den Angriff auf die Ukraine haben, so finde ich, den Blick der Bevölkerung auf 2015 noch einmal verändert. Denn eigentlich ist uns damals als Gemeinschaft sehr viel gelungen.
Rund zwei Drittel der geflüchteten Menschen, die 2015 nach Deutschland kamen, haben heute eine Beschäftigung, zeigt eine Studie. Haben sie ihren Platz in der Gesellschaft gefunden?
Bei der Diakonie haben wir ehemalige syrische Geflüchtete, die 2015 angekommen sind und die haute als Flüchtlings- und Integrationsberater*innen arbeiten und einen Sozialpädagogik-Abschluss haben. Da bin ich vollkommen sicher, dass die meisten ihren Platz in unserer Gesellschaft gefunden haben. Aber – und das ist so typisch deutsch – wir zerreden mal wieder alles: Es ist ja alles ganz schlecht. Wenn Sie mich fragen: 2015 ist geglückt, gar keine Frage. Wir haben sehr viele wertvolle Menschen kennengelernt, viele sind inzwischen deutsche Staatsbürger*innen. Und ich bin froh, dass einige von ihnen bei mir im Sozialdienst der Diakonie mit Feuer und Flamme bei ihrer Arbeit sind.
von: Das Interview führte Rainer Ulbrich.Diakonie München und Oberbayern - Innere Mission München e.V.
Landshuter Allee 40
80637 München

