Drei Fragen an…
Wolfgang Schuppert

Wolfgang Schuppert, Leiter des Geschäftsbereichs Psychische Gesundheit der Diakonie München und Oberbayern, erklärt, warum Prävention, niedrigschwellige Angebote und Medienkompetenz von Anfang an entscheidend sind – für Kinder, Jugendliche und die Gesellschaft.
Herr Schuppert, Sie leiten seit Juli den Geschäftsbereich Psychische Gesundheit der Diakonie München und Oberbayern mit Angeboten von Wohnen über Sozialpsychiatrische Dienste bis zur Suchtberatung – in Stadt und Land. Erleben Sie Unterschiede in der Inanspruchnahme zwischen der Metropole München und ländlichen Regionen?
Unsere Angebote sind grundsätzlich vergleichbar – unabhängig vom Ort. In städtischen Ballungsräumen sind sie durch den gut ausgebauten Nahverkehr jedoch besser erreichbar. Menschen, die Unterstützung suchen, haben dort zudem eine größere Auswahl, was den Zugang erleichtert. Gleichzeitig lebt man in einer Großstadt wie München anonymer. Das hat Vor- und Nachteile: Einerseits fällt es Betroffenen leichter, Hilfe aufzusuchen, weil psychische Probleme oft mit Scham verbunden sind. Andererseits sind viele dort einsamer und verfügen über weniger tragfähige soziale Beziehungen – wichtige Impulse von außen fehlen dann, etwas zu verändern. Auf dem Land ist die soziale Einbindung dagegen meist stärker. Dort sind die Einrichtungen untereinander oft enger vernetzt. Das ermöglicht, trotz geringerer Ressourcen, passgenaue Lösungen für Hilfesuchende zu entwickeln. Aber entscheidend ist: Egal ob Stadt oder Land – Hilfen müssen mitten im Sozialraum stattfinden, nicht abseits davon.
In Zeiten knapper Kassen werden die Herausforderungen nicht weniger. Gleichzeitig ist der Bedarf an Fachkräften hoch. Welche langfristigen gesellschaftlichen Kosten entstehen, wenn Prävention und niedrigschwellige Hilfe wegbrechen würden?
Prävention hat zum Ziel, persönliche und soziale Bedingungen so zu gestalten, dass sich psychische Belastungen nicht zu Erkrankungen auswachsen, bzw. dass Erkrankungen nicht chronisch werden. Dauerhafte klinische oder sozialpsychiatrische Versorgung ist im Vergleich deutlich teurer. Sinnvoll wäre es deshalb, früh mit präventiven Programmen zu beginnen: in der Kita, der Schule, in den Sportvereinen. Das verspricht den größten Erfolg und entlastet das ganze System: beginnend bei den Familien, über die Akutkrankenhäuser und Rettungsdienste bis hin zum Arbeitsmarkt.
Die Niederschwelligkeit sozialpsychiatrischer Angebote ermöglicht, dass betroffene Menschen leicht Hilfe in Anspruch nehmen können. Aus Studien zum Versorgungssystem der Suchthilfe wissen wir z.B., dass wir mit den klassischen Beratungs- und Behandlungsansätzen nur bis zu 10 Prozent der betroffenen Menschen erreichen. Ohne rasche und unkomplizierte Hilfe steigt das Risiko für psychisch erkrankte Menschen, aus sozialen Bezügen herauszufallen. Das geht hin bis hin zur Wohnungslosigkeit. Die damit verbundenen Probleme sind für alle Beteiligten erheblich.
Sie haben selbst lange als Suchttherapeut gearbeitet. Bei Suchtthematiken denkt man oft eher an Alkohol oder harte Drogen. Es wird aber auch zunehmend über problematische Folgen einer übermäßigen Nutzung von Computerspielen und sozialen Netzwerken diskutiert. Warum sollte dieses Thema mehr in den gesellschaftlichen und politischen Fokus rücken?
Viele Apps und Spiele sind so programmiert, dass sie mit Belohnungsstrategien Aufmerksamkeit über lange Zeit binden und die Nutzungsdauer erhöhen. Hinzu kommen Glücksspielelemente – etwa sogenannte Lootboxen in Computerspielen, die mit dem Kauf von Losen vergleichbar sind. Davon sind insbesondere Kinder und Jugendliche überfordert. Sie müssen lernen, mit Computerspielen und sozialen Netzwerken umzugehen. Familien spielen hier mit ihrer Vorbildfunktion eine zentrale Rolle. Im Sinne des Jugendschutzes braucht es aber auch sinnvolle Regelungen, wie Altersbeschränkungen und Nutzungsbegrenzungen – beispielsweise in Schulen.
Aus der Forschung wissen wir inzwischen, dass exzessive Nutzung bei anfälligen Menschen zu Verhaltenssüchten führen kann. Eine aktuelle Studie der DAK und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf spricht von bis zu 1,3 Millionen Kindern und Jugendlichen mit hochriskanter bis abhängiger Nutzung – Tendenz steigend. Zwar nicht ganz mit stoffgebundenen Süchten vergleichbar, sind die gesundheitlichen und sozialen Folgen dennoch erheblich. Hier braucht es Konzepte, wie wir gesellschaftlich damit umgehen: sicher gesetzliche Regelungen, aber ebenso die Einsicht, dass Medienkompetenz von früher Kindheit an pädagogisch gefördert werden muss.
Diakonie München und Oberbayern - Innere Mission München e.V.
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