Demokratieförderung „nicht immer nur groß denken“ - gerade bei den Kleinsten

Wie frühe Mitbestimmung gelingt

Kind hebt die Hand um sich zu melden
Diakonie München und Oberbayern / Erol Gurian

Wer darf die Windel wechseln, welches Fest wird gefeiert, welches Getränk wird beim Erntedankfest ausgeschenkt? Im Evangelischen Haus für Kinder Schwanthaler Höhe lernen Kinder früh: Ihre Meinung ist wichtig – und Demokratie beginnt im Alltag.

Es ist kurz vor halb zwölf an einem Septembermittag, aus der Küche des Evangelische Haus für Kinder Schwanthaler Höhe riecht es nach Essen. „Rahmwirsing“, sagt Margret Zeitler-Rau. „Dafür haben sich die Kinder entschieden – wir waren skeptisch, aber das kommt gut an.“ Fast im selben Moment springt ein Mädchen auf die Einrichtungsleiterin zu. Ob es nicht auch Apfelsaft zu trinken geben könne? „Das ist doch ein super Thema für die nächste Konferenz!“, erwidert Zeitler-Rau lächelnd.

Margret Zeitler-Rau,Einrichtungsleitung des Evangelisches Haus für Kinder Schwanthalerhöhe

Eine Konferenz? Tatsächlich. Denn der Kleinen geht es gar nicht um Saft beim Mittagessen in ein paar Minuten. Sondern um die Getränkeauswahl beim geplanten Erntedankfest des Kindergartens. „Partizipation kann von klein an geübt werden. Auch Kinder können sich schon erfolgreich bei Entscheidungen miteinbringen“, erklärt Vorstandssprecherin Andrea Betz.
Zu dem Konzept an der Schwanthaler Höhe gehört nicht nur, dass die Kindergartenkinder über ihre Mahlzeiten mitentscheiden können. Sondern zum Beispiel, dass sie zusammen Feste und Events gestalten, in demokratischen Abstimmungen. „Genau das ist doch, was man später mal haben will: Dass junge Menschen mit- und vorausdenken“, sagt Zeitler-Rau.

Beim Weltkindertag 2025 am 20. September lautet das Motto „Kinderrechte – Bausteine für Demokratie!“. In dem Kindergarten der Diakonie München und Oberbayern ist das Thema nicht neu. Schon das ganze letzte Jahr war im Team der Pädagog*innen „Demokratie und Partizipation“ gewidmet. Seit Zeitler-Raus Amtsantritt 2022 steht das Anliegen ohnehin oben auf der Agenda – auch, wenn die Corona-Pandemie Einschränkungen auferlegte. Ein „Offenes Konzept“ gab es sogar bereits seit Eröffnung des Kindergartens 2008. Das heißt: Die Kinder haben zwar „Stammgruppen“, die sich morgens treffen. Aber prinzipiell können sie sich frei im Haus bewegen und verschiedene Räume nutzen; basteln, spielen, je nach Wunsch.

Rund zehn Jahre haben aber alle Kinder mindestens noch, bis sie das erste Mal ihre Stimme an einer Wahlurne werden abgeben können, da könnte der Start in Sachen Demokratie früh erscheinen. „Meine Hoffnung ist, dass die Kinder mit einem anderen Selbstgefühl reingehen und einen guten Platz in der Gesellschaft finden werden, wenn wir schon ganz früh Samen säen“, erklärt Zeitler-Rau. Es gehe um Grundlagen. Vorstandssprecherin Betz betont: „Wenn Mitbestimmung im Kindesalter wiederholt Bestandteil der Erziehung ist, fällt es im Erwachsenenalter leichter, die eigene Stimme zu erheben. Dadurch entwickeln Kinder ein Gespür dafür, wie sie Verantwortung übernehmen können.“

„Man muss Demokratie und Partizipation nicht immer groß denken“, erklärt die Einrichtungsleitung. „Es geht um das Gefühl: ‚Ich habe eine Stimme, ich werde gesehen, ich werde gehört.‘ Für Kinder bedeutet das nicht politische Debatten, sondern Alltag.“ So entscheiden sie etwa, wer die Windel wechselt, wer sie beim Essen begleitet oder zum Schlafen hinlegt. Partizipation zeigt sich auch darin, dass Erzieher*innen aufmerksam zuhören, wenn ein Kind etwas erzählt – und diese Anliegen in die Teamgespräche einfließen lassen.

Die „große“ Variante sind die „Kinderkonferenzen“. Gerade erst am Morgen fand die zum Thema Erntedankfest statt – mit allen, die sich dafür interessieren und teilnehmen wollten. Die Kinder äußern Ideen, die Mitarbeiter*innen schnell in kleine Bilder umsetzen, um die Vorschläge greifbar zu machen. Schließlich können die Kinder zur Abstimmung schreiten: „Sie bekommen einen Stein oder einen Knopf; etwas, was fühlbar und sichtbar macht: Das ist meine Stimme, damit kann ich wählen“, erzählt Zeitler-Rau. Eine halbe Stunde habe die Konferenz heute gedauert.

Natürlich gebe es bei den Kindern auch mal Frustration, sagt Zeitler-Rau. Dass es nicht immer nach dem eigenen Willen gehen könne, hätten ja sogar viele Erwachsene noch nicht gelernt, sagt die Einrichtungsleiterin. „In solchen Momenten fragt man dann auch, wie geht es denen, die jetzt gerade nicht gewonnen haben. Die dürfen dann auch traurig und frustriert sein und das offen sagen.“

Bei den „Kinderkonferenzen“ geht es neben der Planung von Festen auch mal um Regeln im Kindergarten – oder um eine Besprechung neuer Freiheiten und Verantwortung; etwa, wenn die Größten demnächst zum ersten Mal allein in den Garten dürfen. Die Teilnahme ist im Normalfall freiwillig. Über das Erntedankfest etwa machten sich 16 von (in der Eingewöhnungsphase Mitte September) aktuell „nur“ 40 Kindern Gedanken. Den Kindergarten-Fasching Anfang des Jahres wollten 60 von 63 Kindern mitgestalten, erinnert sich Zeitler-Rau. „Da mussten wir schnell was aus dem Hut zaubern, für so eine große Gruppe.“ Die Lösung: Ein Treffen im großen Turnraum. Und Zustimmung per Gebärdensprachen-Applaus, also per Schütteln der in die Luft erhobenen Hände. Mit Erfolg: „Die Kinder haben das Fest toll gestaltet“, lobt Zeitler-Rau.

Demokratie und Partizipation früh zu leben sei jedenfalls mit Blick auf das Geschehen in der Welt und in Deutschland absolut wichtig, sagt die Einrichtungsleiterin. „Gerade, dass das wirklich von ganz, ganz klein an anfängt. Das hat viel damit zu tun, dass diese kleinen Menschen merken, dass sie gesehen und gehört werden. Das ist das, was wir hier erreichen wollen“, betont Zeitler-Rau. „Wir hoffen, dass wir damit unseren kleinen Teil leisten können.“ Für die Zukunft der Kinder – und für die der Demokratie.

von: Florian Naumann

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