Wenn Arbeit mehr ist als nur ein Job

Marktorientierte Arbeit für Menschen mit Behinderung – Alltag bei diakonia

Portrait Ivan Gavor der seit seit drei Jahren bei diakonia einen Arbeitsplatz gefunden hat, an dem seine Behinderung kein Hindernis ist, sondern Teil seiner Geschichte.
Ivan Gavor, der seit drei Jahren bei diakonia arbeitet und dort einen Platz gefunden hat, an dem seine Behinderung kein Hindenis ist. Foto: Erol Gurian

Inklusion in der Arbeitswelt spielt für Selbstbewusstsein und persönliche Entwicklung von Menschen mit Behinderung eine große Rolle. Bei diakonia zeigt jedes Team, wie Inklusion praktisch funktioniert - mit Herausforderungen im Alltag, aber auch mit wachsendendem individuellem Selbstvertrauen.

Die Luft riecht nach Lack, der Termindruck liegt spürbar in der Luft. Vanessa Weigold steht auf der Baustelle des Malerbetriebs und streicht eine Türzarge – ruhig, präzise, routiniert. Seit über zehn Jahren ist sie bei diakonia. Gelegentliche Überstunden nimmt sie gelassen: „Das ist normal.“ Teamleiter und Meister Raimund Müller schätzt besonders ihre Genauigkeit: „Sie ist unsere Lackierkönigin.“ sagt er grinsend und nicht ohne Stolz. Vanessa Weigold nickt kurz und lächelt zurück. Sie weiß, die Wertschätzung ist echt. Vanessa trägt ein Hörgerät, zieht es aber meist vor, im Gespräch ihr Gegenüber direkt anzuschauen. Ihr Team ist darauf eingestellt – notfalls wird zum Notizblock gegriffen. Was zählt, ist ihr Können. Ihre Hörbeeinträchtigung spielt im Alltag kaum eine Rolle – die Qualität ihrer Arbeit schon.
Wie alle Mitarbeiter*innen des Sozialunternehmens bewegt sich auch der Malerbetrieb im Spannungsfeld zwischen Inklusionsanspruch und Markterwartung. „Qualität, Zuverlässigkeit, Termintreue – das sind für uns keine leeren Begriffe“, sagt Geschäftsführer Thomas Johannes Rosenberger. Inklusion heißt hier nicht Schonraum, sondern echte Teilhabe – mit Herausforderungen, aber auch mit wachsendem individuellem Selbstvertrauen.

Vanessa Weigold – Ihrem Blick entgehen weder Schlieren noch farblose Ecken. Neben ihr in Aktion: Malermeisterin Tamara Moser.

Bayerns größte inklusive Arbeitgeberin

diakonia ist mit rund 270 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten – davon etwa circa 150 mit einer Behinderung – der größte inklusive Arbeitgeber Bayerns. Das Unternehmen betreibt Secondhandläden, eine Logistik, einen Malerbetrieb, Hauswirtschaftsdienste und gastronomische Angebote sowie ein Recyclingunternehmen. Hinzu kommen Qualifizierungsprogramme und Beratungsangebote.
Inklusive Arbeitsplätze finden sich in nahezu allen Bereichen – von der Verwaltung bis zum Handwerk. Der Bedarf ist ungebrochen: Auch wenn die Arbeitslosenquote von Menschen mit Behinderung in Deutschland für 2024 bei 11,6 % lag, bleibt sie damit etwa doppelt so hoch wie die allgemeine Quote.
Das soziale Beschäftigungs- und Inklusionsunternehmen hat nicht nur Jobs für Menschen mit Behinderung. Auch Personen, die schon lange erwerbslos sind, können durch passende Maßnahmen und begleitet durch berufliche Sozialarbeit und fachliche Anleitung wieder ins Arbeitsleben integriert werden. Und psychisch erkrankte oder suchtkranke Menschen mit Erwerbsminderungsrente finden vielfältige Möglichkeiten im Zuverdienst.
Neue inklusive Mitarbeiter*innen kommen oft über Praktika zu diakonia. In Zusammenarbeit mit Integrationsfachkräften und Bildungsträgern wird ein sanfter Einstieg ermöglicht – mit stufenweisen Verträgen bis hin zur unbefristeten Anstellung. Wer ankommt, bleibt oft viele Jahre und genießt auch einen besonderen arbeitsrechtlichen Schutz.

Marktwirtschaftliches Spannungsfeld statt Kuscheloase

Im Untergeschoß des Kaufhauses versieht Ivan Gavor Möbel und Haushaltswaren mit Preisschildern. „Die Preise habe ich meist im Kopf“, sagt der gehörlose gelernte Metallbauer und technische Zeichner. Seit über drei Jahren arbeitet er nun bei diakonia – und hat dort einen Platz gefunden, an dem seine Behinderung kein Hindernis ist, sondern Teil seiner Geschichte. „Ich will hier bis zur Rente bleiben.“
In den Pausen unterhält er sich lebhaft in Gebärdensprache mit seiner Kollegin Ramona Klaus, die schwerhörig und wie er gebärdenkompetent ist. Der Austausch ist den beiden wichtig – denn in ihrem Arbeitsalltag sprechen nur wenige Menschen diese Sprache. „Wir kommen klar. Miteinander und mit allen anderen“, sagt er. Und lacht.

Mehrwert Inklusion

Inklusion kostet – und spart zugleich. Unternehmen und Organisationen können als Arbeitgebende technische Hilfsmittel oder strukturelle Unterstützung beantragen. Als gemeinnütziges Inklusionsunternehmen erhält diakonia zudem Fördermittel, mit denen zusätzlich Betreuungskräfte eingestellt und weitergebildet werden können. Der gesellschaftliche Mehrwert ist nicht nur sichtbar, sondern messbar: Die aktuelle Studie „Mehrwirkung“ der bag if zeigt, dass Inklusionsfirmen wirtschaftlich bestehen und sozial wirken – genau wie diakonia, wo das täglich erlebbar ist.
Arbeit bedeutet für viele Menschen in der diakonischen inklusiven Arbeitswelt mehr als ein Job. Sie bringt Struktur, Teilhabe und Teilgabe und vor allem Selbstwirksamkeit. „Wenn wir Menschen mit Behinderung ermöglichen, mitzugestalten, entsteht echtes Vertrauen – in sich selbst und in die Gemeinschaft“, sagt Stephanie Kramer, Prokuristin bei diakonia und Inklusionsbeauftragte der Diakonie München und Oberbayern.
Inklusion bei diakonia zeigt, wie das gelingen kann – nicht theoretisch, sondern Tag für Tag, an Werkbänken und in Teeküchen, in Läden und Lagern. Und oft mit einem Lächeln.

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von: Michael Netzhammer

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