Weihnachten in der Jugendhilfe:

Ein Gespräch über Unterstützung, Zusammenkommen und Freude in der Weihnachtszeit

Weihnachten in der Jugendhilfe
Foto: Tanja Kernweiß

Im Gespräch mit Philipp Harder, Teamleitung der Inklusiv-therapeutische Wohngruppe Regenbogen möchten wir herausfinden, wie diese Kinder dennoch Freude und ein Gefühl der Zugehörigkeit erleben können, und welche Rolle die Gesellschaft dabei spielt, um Weihnachten für alle Kinder zu einem besonderen Moment des Jahres zu machen.

Herr Harder, wie erleben die Kinder in Ihrer Wohngruppe die Vorweihnachtszeit – ganz unabhängig von besonderen Herausforderungen?

Die Kinder freuen sich auf die Zeit, weil sie viele schöne Momente und Abwechslung mit sich bringt. Nikolaus, Adventskalender, Adventsgeschichten, Adventslieder singen, Plätzchen backen und naschen, Geschenke, Gemütlichkeit ...

Welche Bedeutung hat Weihnachten generell für Kinder, die bei Ihnen untergebracht sind?

Das kommt sehr darauf an, wie die Kinder sozialisiert wurden. Ob und was sie an Weihnachten erlebt und gelebt haben. Das ist wirklich sehr unterschiedlich. Größtenteils kennen alle die Weihnachtsgeschichte, das Christkind und denken natürlich an die vielen Geschenke, die es da gibt. Institutionen wie beispielsweise die Kita oder die Schule prägen hier die Kinder natürlich mit.

Sie sagten im Vorgespräch, dass Weihnachten den Kindern besonders vor Augen führt, dass sie keine Familie bei sich haben. Wie zeigt sich das konkret im Alltag? Welche typischen Emotionen oder Reaktionen beobachten Sie in dieser Zeit bei den Kindern?

Wir beobachten insbesondere ein zwei Wochen vor und um die Feiertage herum bei manchen Kindern eine höhere Emotionalität, schneller gereizt, schneller frustriert, mehr Trauer als sonst. Manche Kinder drücken sich auch verbal aus, in dem sie klar formulieren, dass Sie es unfair finden, nicht zuhause leben zu dürfen. Anders als ihre Freund*innen und Mitschüler*innen. Gleichzeitig wird rund um Weihnachten deutlich, wie unterschiedlich die Fallkonstellationen sind. So dürfen manche Kinder über Weihnachten nach Hause, andere aufgrund von Sicherheitsaspekten auch nicht, manche nur zwei Stunden andere mehrere Tage. Manche Eltern melden sich viel, haben viele Geschenke, manche Eltern wohnen weit weg, und rufen maximal kurz an oder melden sich gar nicht. Das fällt natürlich auch den Kindern auf, wenn sie sich anschauen, wie es bei den anderen abläuft. Hierdurch wird den Kindern die eigene Situation noch einmal sehr deutlich vor Augen geführt.

Gibt es Situationen, die Sie als Team besonders berühren oder herausfordern?

Das ist sicher von Fachkraft zu Fachkraft unterschiedlich. Aus meiner Beobachtung kann ich sagen, dass wir uns sehr viel Mühe geben, den Kindern alles zu Verfügung zu stellen, was diese egal ob Emotional oder Materiell im Alltag brauchen. Und dadurch entsteht eine wertvolle und emotionale Verbindung zu den Kindern, die absolut essentiell ist. Das ist keine emotionale Einbandstraße, das funktionier zwischen Betreuenden und Kind wechselseitig, auch als Betreuer*innen gibt man da etwas sehr Persönliches rein und bekommt dafür zugleich auch einiges zurück. Es ist also schön zu sehen und sehr kraftvoll, wenn die Kinder sich bei uns wohlfühlen und sich das durch Freude, Lachen, Spiel, Spaß und Geplapper ausdrückt. Man wird Teil des Alltages der Kinder. Dadurch nimmt man natürlich dann auch Anteil an den Phasen, in denen die Kinder leiden, trauern, mit ihrem Schicksal kämpfen und sich so sehr wünschen, mit ihren Eltern leben zu dürfen. Da wird man als Betreuer oder Betreuerin auch schnell zu Projektionsfläche, für all den Frust und Schmerz und das Unverständnis darüber, warum das Kind nicht zuhause leben darf. Neben der Tatsache, dass nicht allein wir, sondern hauptsächlich das Jugendamt und das Familiengericht oder auch die Eltern selbst entscheiden, wo das Kind lebt, haben wir natürlich ein Stück weit Einfluss darauf, wieviel Kontakt ein Kind zu seinen Eltern haben darf. Uns geht es hier immer um das Wohl des Kindes. Aber aus Sicht des Kindes sind wir verständlicherweise auch Teil dessen, was sie davon abhält, bei Ihren Eltern zu leben oder mit diesen viel Zeit zu verbringen. Diese Emotionalität der Kinder auszuhalten, das Verhalten nicht persönlich zu nehmen, ist zwischendurch herausfordernd, schmerzlich und kostet Kraft.

Wie bereiten Sie und Ihr Team die Vorweihnachtszeit vor, um den Kindern Halt und Geborgenheit zu geben? Welche Rituale, Angebote oder Aktivitäten helfen den Kindern besonders gut – z. B. gemeinsames Backen, Adventskalender, kleine Ausflüge?

Halt und Geborgenheit brauchen die Kinder natürlich nicht nur in der Vorweihnachtszeit. Daher haben wir viele Interventionen, die darauf abzielen. Das können Angebote für die ganze Gruppe sein, wie ein sehr strukturierter Tagesablauf der Verlässlichkeit schenkt, feste Rituale wie das Lesen am Abend, Einschlafrituale, das Feiern von Geburtstagen, und anderen Festen im Jahr wie das Sommerfest, Halloween, St. Martin etc. Auf der individuellen Ebene arbeiten wir mit viel Austausch, Kinder in den Arm nehmen, wenn sie das wollen, Gespräche, Glückstagebücher etc.

Die Vorweihnachtszeit läutet sich natürlich ein Stück weit von selbst ein, dann wird auch hier die Wohngruppe mit den Kindern geschmückt, der erste Schnee gefeiert, die Bobs herausgeholt, der Nikolaus eingeladen usw. Es ist eine Zeit, die viele Chancen für Lebensfreude bringt und hier kann man natürlich bei Kindern, die sich allgemein so schnell für alles begeistern lassen, gut ansetzen und damit den schmerzlichen Gefühlen auch etwas Freudiges entgegensetzen. Zudem hat Familie auch viel mit Zugehörigkeit und Gemeinschaft zu tun. Das möchten wir den Kindern auch schenken, und so machen wir an gemeinsamen Aktivitäten immer Fotos und gestalten je Jahr je Kind ein Fotoalbum. Die Fotos halten die vielen Momente fest, wie das gemeinsame Feiern von Nikolaus, das Lesen der täglichen Adventskalendergeschichte, das gemeinsame Backe, das Schmücken des Christbaumes, das Einrichten einer adventlichen Kuschelecke, die Teilnahme mancher Kinder am Krippenspiel und vieles mehr.

Wie gestalten Sie den Heiligabend selbst? Gibt es feste Abläufe oder Traditionen in Ihrer Wohngruppe?

Wie sich der Heiligabend gestaltet, hängt immer ein bisschen davon ab, welche Betreuer*innen im Dienst sind. Zudem hängt es auch immer ein bisschen davon ab, ob Kinder zuhause feiern dürfen oder ob sie am 24.12 in der Wohngruppe sind. Da es uns an diesem speziellen Abend auch um die Gemeinschaft und das Miteinander geht, kommt es auch vor, dass wir das sogenannte Gruppenweihnachten ein bis zwei Tage vorziehen, damit alle Kinder teilnehmen können. Dieses Jahr sind am 24.12 jedoch alle Kinder da und so feiern die diensthabenden Kolleg*innen das Fest mit allen Kindern gemeinsam in der Wohngruppe. Insgesamt gibt es Rituale und Traditionen, die jedes Jahr gleich sind. So gibt es mittags eher ruhige Angebote, um Energie für den Abend zu sammeln, anschließend besucht die Gruppe das Krippenspiel in der Kirche auf dem Nachbarsgrundstück. Hier spielen auch Kinder der Wohngruppe mit. Da sind wir natürlich sehr stolz. Abends gibt es immer einen festlich gedeckten Tisch und ein sehr gutes Essen. Danach gibt es meist einen Spaziergang, dann wird im Wohnzimmer gemeinsam die Weihnachtsgeschichte gelesen und dann gehen alle Kinder für kurze Zeit in ihr Zimmer, um dem Christkind die Möglichkeit zu geben, die Geschenke zu bringen. Ein Glöckchen kündigt dann die Ankunft der Geschenke an und die Kinder kommen voller Aufregung ins Wohnzimmer. Dann wird natürlich ausgepackt und lange gespielt.

Welche besonderen Herausforderungen bringt die Weihnachtszeit für Ihr Team mit sich?

Ich würde sagen, die Weihnachtszeit ist allgemein auch bekannt als stressige Zeit. In einer Wohngruppe fällt auch viel Büroarbeit an, hier sind viele Deadlines einzuhalten. Das Wetter ändert sich, es findet viel mehr drinnen statt, was in einer Wohngruppe schnell einmal anstrengend und laut werden kann. Die Krankheitstage steigen an, das bedeutet auch immer eine besondere Herausforderung für das Team, weil wir ja 24 Stunden rund um die Uhr abdecken müssen. Es bedarf daher rechtzeitigen Planung und viel Hingabe und Engagement der Betreuer und Betreuerinnen, um dem stressigen Alltag ausreichend Zeit für die erwähnten Rituale und Aktivitäten abzuringen. Wie gehen Sie damit um, wenn Kinder an diesem Tag besonders traurig oder wütend sind? Am Heiligabend selbst ist die Stimmung meist gut, da die Aufregung und das fröhliche Ambiente auf die Kinder positiv wirken. Dann ist es auch schön, in der Gruppe zu feiern. Trauer und Wut begegnen wir im Allgemeinen mit viel Empathie, Zuhören, Ablenkung und Verständnis. Je länger wir ein Kind kennen, desto mehr geht auch vieles über Nähe, Präsens, eine Umarmung und eine gute Portion Geduld ist auch immer hilfreich.

Welche Rolle spielen Spenden, Ehrenamtliche oder externe Unterstützer*innen in dieser Zeit?

Über das ganze Jahr, aber natürlich auch im Besonderen in der Weihnachtszeit spielen diese Personen eine wichtige Rolle. Beispielweise gibt es von der Gruppe für jedes Kind ein oder zwei Geschenke. Von Eltern und Verwandten der Kinder kommt häufig auch noch etwas. Nun ist es so, dass es auch Kinder gibt, die wenig bis gar nichts von ihren Eltern geschenkt bekommen. Das würde die Kinder sehr schmerzen, weil Fairness für Kinder sehr wichtig ist. Gleich viel wie andere zu bekommen hat auch immer etwas mit Wertschätzung und Wertvoll sein zu tun. Spender*innen können hier einspringen und den Kindern, die nicht so viel bekommen, einen Wunsch erfüllen. Ehrenamtliche unterstützen uns beispielswiese als Nikolaus oder machen mit Kindern Aktivitäten und ergänzen auf positive Weise das soziale Umfeld der Kinder. Es gibt auch Spender*innen, die einen bestimmten finanziellen Betrag an die gesamte Gruppe spenden. Das freut mich als Teamleitung immer sehr, den Spenden erweitern den finanziellen Spielraum für eine Wohngruppe deutlich. Dadurch hatte ich in den letzten Jahren auch einmal die Möglichkeit, den Kinder Dinge zu ermöglichen, die in unserem Budget normalerweise nicht enthalten sind. So können wir einem Mädchen das therapeutische Reiten finanzieren, was vom Jugendamt nicht gezahlt wird. Sie können sich sicher vorstellen, wie sehr das Kind strahlt, wenn es vom Reiten zurückkehrt. Wenn ich Spenden ausgebe, dann ist es mir immer wichtig, dass diese für Dinge ausgegeben werden, die einen Unterschied machen und den Kindern Entwicklungschance und einen großen Mehrwert bieten. Ich finde, wer spendet soll auch die Gewissheit haben, dass das Geld sinnvoll verwendet wird und eine Wirkung hat.

Was wünschen Sie sich von der Gesellschaft oder Politik für Kinder, die Weihnachten ohne Familie verbringen müssen?

Zuallererst möchte ich gerne einmal Danke sagen, denn es gibt schon sehr viel, was für diese Kinder getan wird. Es gibt viele Menschen in unserer Gesellschaft, die sich für andere Menschen einsetzen und das erleben wir auch immer wieder durch Fachkräfte, Nachbarn, Ehrenamtliche, Unterstützer*innen und Spender*innen. Ich finde, wir dürfen auch dankbar sein, in einem Staat zu leben, der sich gesetzlich dazu verpflichtet hat, Kinder die in ihren Familien Vernachlässigung, Gewalt und Leid erfahren, ein Zuhause zu geben, in denen sie sicher und wohlbehalten aufwachsen dürfen.

Zugleich wird die stationäre Kinder- und Jugendhilfe in der Politik häufig als zu teuer kritisiert. Und ja, ein Kind groß zu ziehen ist nun einmal teuer, hier auch einmal höchsten Respekt an alle Eltern, die ein Kind großziehen oder großgezogen haben. Zugleich sollte es das uns als Menschen und der Politik wert sein. Denn es geht hier um Menschen, um das Leben an sich und die Chance, einem kleinen Menschen all das mitzugeben, was dieser braucht, um als Erwachsener ein selbstständiger und selbstbestimmter Mensch zu sein. Und auch diese Menschen werden einmal ihren Beitrag zur Gesellschaft und Politik leisten. Die Politik und die Gesellschaft haben es hier mit in der Hand, ob das ein kleiner oder ein großer Beitrag sein wird.

Ich wünsche mir daher insbesondere mit Blick auf die Entwicklung der wirtschaftlichen Lage in Deutschland eine Politik, die den sozialen Bereich als wichtige Säule gesellschaftlicher Stabilität anerkennt und auch langfristig ausreichend finanziell stützt.

Gibt es einen Moment aus den vergangenen Jahren, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ich habe das Glück, in einer Familie aufgewachsen zu sein, in der meine Geschwister und ich mit Liebe großgezogen wurde und in so vielen Bereichen so viel für das Leben mitbekommen habe. Insbesondere die Adventzeit und Weihnachten haben wir als Familie auch sehr ausgiebig zelebriert. Viele Rituale kann ich heute in die Wohngruppe einbringen und den Kindern dadurch viele Momente schenken, die ich als so wichtig für das Miteinander, die Lebensfreude und Geborgenheit erlebt habe.

So haben wir auch immer Adventslieder gesunden und mein Vater hat uns hier mit der Gitarre begleitet. Um das auch in unsere Wohngruppe zu machen, habe ich mir extra diese Lieder auf der Gitarre beigebracht. Und so singen wir jedes Jahr gemeinsam einige Strophen und stimmen uns damit in diese wunderbare, gemütliche und sinnliche Zeit ein.

Was bedeutet Ihnen persönlich die Weihnachtszeit in der Wohngruppe?

Das ist eine Frage mit vielen Dimensionen. Als Teamleitung sehe ich manchmal besorgt, wie das Jahr seinem Ende zu geht und da gibt es dann meist noch viel zu erledigen, abzuschließen und schon fürs kommende Jahr zu planen. Das kann schon anstrengend sein. Zugleich erfreue ich mich an dem hohen Engagement meines Teams, das die Wohngruppe mit den Kindern zu einem gemütlichen und schön dekorierten zuhause umgestaltet und gemeinsam Zeiträume erarbeitet, in denen das Weihnachtliche erlebbar wird. Hier entstehen dann zwischen dem Stress und der Arbeit auch immer sehr schöne Momente mit den Kindern und den Kolleg*innen, in denen der Alltag einmal kurz auf Pause gedrückt wird und das Miteinander, die Geborgenheit, die Lebensfreude und das Besinnliche deutlich in den Vordergrund rückt. Aus solchen Momenten ziehe ich viel Kraft, um den Herausforderungen dieses Berufes gerecht zu werden und die Kinder ausreichend für ein selbstbestimmtes Leben in der Zukunft zu stärken.


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