Unsichtbar wohnungslos
Warum Frauen wie Astrid W. in keiner Statistik auftauchen

Viele Frauen erleben Wohnungslosigkeit anders als Männer – oft unbemerkt, zwischen Notunterkünften, Freunden oder provisorischen Schlafplätzen. Astrid W. erzählt von Nächten auf Pappkartons, der ständigen Unsicherheit und dem täglichen Kampf um Privatsphäre. Ihr Weg zeigt, wie wichtig Schutzräume wie die Einrichtung Karla 51 sind und welche Herausforderungen Frauen ohne festen Wohnsitz meistern müssen.
Es ist einer dieser eisigkalten Wintertage. Wie jeden Tag sitzt Astrid W., 71 Jahre, auf einer Steinbank am Rotkreuzplatz. Während Menschen mit vollen Einkaufstüten an ihr vorbeieilen, spürt sie, wie die Kälte des Steins langsam in ihren Körper zieht. Alle scheinen es eilig zu haben, durch den Schnee zu kommen – so schnell wie möglich zurück in die Wärme der eigenen vier Wände.
Astrid stellt sich vor, wie sie zu Hause ankommen: die Tür hinter sich schließen, die nassen Schuhe gegen Hausschuhe tauschen, die Jacke an die Garderobe hängen. Die Heizung aufdrehen, einen warmen Tee machen, sich auf die Couch setzen. Eine eigene Wohnung bedeutet nicht nur Schutz vor der Kälte, sondern vor allem Ruhe und Privatsphäre. Ein Ort, an dem man sein darf, wie man ist.
Wenn es dunkel wird und der Trubel des Tages verschwunden ist, bricht Astrid auf. Unauffällig schlägt sie – wie schon in vielen Nächten zuvor – ihr Lager auf einem Pappkarton in einem Kellergang auf. Am nächsten Morgen wird sie früh aufstehen, bevor jemand merkt, dass sie dort war. Sichtbar wohnungslos zu sein, auf der Straße zu schlafen, ist für sie keine Option.

Astrid ist eine gepflegte Frau. Sie achtet auf ihr Äußeres. Äußerlich sehe man einem Menschen nicht an, dass er wohnungslos ist, sagt sie. Ihr Hab und Gut bewahrt sie in einem kleinen Lagerraum auf. Viel ist davon nicht geblieben. Vor einigen Jahren standen Menschen in ihrer Wohnung. Für Astrid kam die Zwangsräumung plötzlich – sie erklärten, sie hätten einen entsprechenden Beschluss, und trugen alles hinaus, was ihr gehörte. Dabei hatte Astrids Leben lange Zeit Sicherheit geboten. Sie arbeitete viele Jahre bei einer Versicherung – ein verlässlicher Job, der ihr Struktur und finanzielle Stabilität gab. Kurz nach ihrem Renteneintritt leert sie eines Tages wie gewohnt den Briefkasten. Unter den Briefen ist einer von ihrem Vermieter. Sie öffnet ihn. „Kündigung wegen Eigenbedarfs“, steht dort.
Zunächst ist Astrid überzeugt, dass sich das regeln lassen muss. Dass es sicher eine Lösung gibt. Doch nach Gesprächen und Beratungen wird ihr schnell klar: Dagegen anzugehen macht keinen Sinn. Sie sollte die Zeit nutzen sich etwas Neues zu suchen. Eine neue Wohnung findet sie nicht. Der Wohnungsmarkt ist angespannt, bezahlbarer Wohnraum rar. „Das stellt deine ganze Existenz voll auf dem Kopf“, erklärt sie. Diese Situation verändert auch ihre Beziehungen. „Als meine Freunde gehört haben, dass ich wohnungslos bin, haben sie mich fallen lassen“, erinnert sie sich. Schließlich darf sie nachts in der Wohnung eines Bekannten schlafen – morgens muss sie wieder gehen. „Im Winter, bei Schnee, das ist echt bescheiden.“ Als alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, bleibt nur noch ein Stück Pappe im Kellergang.
Solche verdeckten Formen der Wohnungslosigkeit sind bei Frauen keine Ausnahme. John-Edward Schulz, Geschäftsleiter Wohnen und Soziale Notlagen, betont: „Frauen geraten oft aus dem Blick, weil ihre Wohnungslosigkeit nicht auf den ersten Blick sichtbar ist.“
Oft wechseln wohnungslose Frauen zwischen Notunterkünften, Bekannten, Partner*innen oder provisorischen Schlafplätzen. Diese Formen von Wohnungslosigkeit werden in Statistiken oft nicht oder nur unzureichend erfasst – der tatsächliche Anteil wohnungsloser Frauen dürfte daher deutlich höher sein, als offizielle Zahlen vermuten lassen.

An einem dieser Tage versucht Astrid wieder mal die Zeit bis zum Abend herumzubringen. Es ist März. Sie friert. Plötzlich klingelt ihr Telefon. „Sie haben ein Zimmer. Kommen Sie vorbei“, sagt eine Mitarbeiterin des Frauenobdachs Karla 51 - Notaufnahme und Beratungsangebot wohnungsloser Frauen. An diesen Moment erinnert sich Astrid noch genau: „Ich bin nicht gegangen, nicht gelaufen – ich bin geflogen, um hierher zu kommen.“ Als sie ihr Zimmer sieht und die Tür sich hinter ihr schließt, geht sie auf die Knie. „Ich habe nur gedacht: ‚Endlich musst du nicht sterben. Endlich geht es weiter.‘“
Viele wohnungslose Frauen meiden öffentliche Orte wie Bahnhöfe oder Plätze aus Angst vor Übergriffen und sexualisierter Gewalt. „Man fühlt sich als Frau noch eher angreifbar“, erklärt Astrid. Stattdessen suchen sie Schutz bei anderen Menschen. Doch diese Abhängigkeiten können schnell zu gefährlichen Machtverhältnissen werden – besonders dann, wenn Frauen keine Alternativen haben. John-Edward Schulz betont: „Gerade diese verdeckten Formen sind mit hohen Risiken verbunden. In Einrichtungen wie dem Frauenobdach Karla 51 sehen wir täglich, wie wichtig geschützte Räume und spezialisierte Angebote für Frauen sind, um Sicherheit zu schaffen und neue Perspektiven zu ermöglichen.“
Hinzu kommen geschlechtsspezifische Belastungen, etwa im Bereich Hygiene und Gesundheit. „Wir sind ja auch nicht mehr so jung“, sagt Astrid. „Wir müssen öfter mal austreten. Wie man dann irgendwo eine Toilette findet.“ Man müsse sich genau überlegen, wo mögliche Anlaufstellen sind: „Da kann ich bei dem Italiener, wenn ich ihm nett ins Gesicht lächele, kurz vorbei und unten in die Toilette gehen.“ Um solche Situationen zu vermeiden, trinkt sie oft zu wenig. Mit gesundheitlichen Folgen: Ihre Nieren erkranken.
Heute lebt Astrid in der Karla 51. Hier habe sie alles, was sie brauche, sagt sie. Einen Raum, den man abschließen kann. Ein Bett, einen Tisch und ein eigenes Bad. Auf ihrem Schreibtisch liegen ausgeschnittene Wohnungs- und Stellenanzeigen. Denn dauerhaft bleiben kann sie hier nicht. Die Ungewissheit darüber, wie es weitergeht, macht ihr Angst. Vielleicht, sagt sie, bekommt sie die Chance auf ein weiterführendes Wohnangebot.
„Da bin ich den Damen hier ewig dankbar, dass sie mich da rausgeholt haben – ewig dankbar, dass ich da nicht noch tiefer fallen musste“, erklärt sie. „Es ist ein böser Traum, aus dem du jetzt wach bist und jetzt ist das Leben wieder schön.“
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