Wohnungslosigkeit von Frauen bleibt oft unsichtbar

Sabine Bösing über wohnungslose Frauen und fehlende Unterstützung

Sabine Bösing
Sabine Bösing, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V.

Frauen, die wohnungslos sind, bleiben häufig unsichtbar. Viele leben zeitweise bei Bekannten, in unsicheren Abhängigkeiten oder in Gewaltsituationen. Sabine Bösing, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V., erklärt, welche Entwicklungen sie beobachtet und welche politischen Maßnahmen notwendig wären, um Frauen besser zu schützen.

Frau Bösing, welche Entwicklungen beobachten Sie aktuell bei der Wohnungslosigkeit von Frauen in Deutschland?

Die Zahl wohnungsloser Frauen bleibt weiterhin alarmierend hoch. Nach Hochrechnungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe waren im Jahr 2024 rund 300.000 Frauen betroffen – das entspricht etwa 39 Prozent aller wohnungslosen Erwachsenen. Viele Frauen leben nicht sichtbar auf der Straße, sondern bei Freunden oder Bekannten, in prekären Mitwohnverhältnissen oder sogar in Gewaltbeziehungen.

Die Ursachen dafür sind vielfältig. Eine große Rolle spielen Gewalt in Partnerschaften oder Familien, aber auch Armut und finanzielle Unsicherheit. Frauen verdienen im Durchschnitt weniger, arbeiten häufiger in Teilzeit und übernehmen einen Großteil der unbezahlten Care-Arbeit. Dadurch haben sie schlechtere Chancen auf dem Wohnungsmarkt und können oft keine finanziellen Rücklagen bilden. Besonders schwierig ist zudem der Mangel an bezahlbarem Wohnraum – vor allem für Alleinerziehende, die überwiegend Frauen sind. Gleichzeitig fehlen vielerorts frauenspezifische Hilfsangebote wie geschützte Unterkünfte, Beratungsstellen oder ausreichend Frauenhausplätze.

Wohnungslose Frauen sind oft weniger sichtbar als Männer. Welche Folgen hat diese Unsichtbarkeit?

Die Unsichtbarkeit hat weitreichende Folgen – sowohl für das Hilfesystem als auch für politische Entscheidungen. Viele Frauen meiden gemischtgeschlechtliche Unterkünfte, weil diese häufig männlich dominiert sind und sie sich dort nicht sicher fühlen. Stattdessen bleiben sie in unsicheren Wohnsituationen oder Abhängigkeiten. Dadurch wenden sie sich oft erst spät oder gar nicht an Hilfesysteme.

Das wiederum führt dazu, dass wichtige Daten und Erfahrungen fehlen. Wenn weibliche Wohnungslosigkeit nicht ausreichend sichtbar wird, bleiben auch frauenspezifische Bedarfe unsichtbar. Entsprechend schwierig ist es, bestehende Lücken im Hilfesystem zu schließen. Gleichzeitig fehlt der politische Druck, gezielte Lösungen zu schaffen. Themen wie Gewaltschutz oder spezifische Unterstützungsangebote für Frauen finden dadurch zu wenig Berücksichtigung in politischen Entscheidungen.

Welche Maßnahmen könnten Frauen davor schützen, überhaupt wohnungslos zu werden?

Prävention ist bei Frauen besonders wirksam, weil sie häufig früher Unterstützung suchen als Männer – oft noch bevor sie ihre Wohnung verlieren. Dieses Potenzial sollte stärker genutzt werden. Wichtig sind niedrigschwellige und digitale Angebote wie etwa "Social Media Streetwork". Dort zeigt sich bereits, dass Frauen gezielt erreicht werden können.

Entscheidend ist aber vor allem ein Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen. Frauen brauchen finanzielle Sicherheit durch passende Sozialleistungen, besseren Schutz auf dem Wohnungsmarkt und mehr bezahlbaren Wohnraum. Ebenso wichtig sind verlässliche soziale Infrastrukturen wie Beratungsangebote oder ausreichend Kita-Plätze. Gerade Alleinerziehende stehen auf dem Wohnungsmarkt unter besonderem Druck, weil sie oft weniger verdienen, gleichzeitig, aber größere Wohnungen benötigen.

Aus Sicht von Sabine Bösing braucht es deshalb eine Wohnungspolitik, die die Lebensrealität von Frauen stärker berücksichtigt. Familiengerechter Wohnraum, kurze Wege zu Kitas, Schulen und Arbeitsplätzen sowie gezielte, frauengerechte Unterstützung könnten dazu beitragen, strukturelle Benachteiligungen abzubauen und Wohnungslosigkeit frühzeitig zu verhindern.

Zur Person:

Sabine Bösing ist Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. und eine der Referent*innen bei dem Fachtag "60-30-15-1 – Wir sind für Frauen* da!" der Diakonie München und Oberbayern am 24. Juni 2026 in München. Der Fachtag rückt die Situation wohnungsloser Frauen und frauenspezifische Hilfsangebote in den Fokus.

 


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