"Stelle ich mich als Pfarrer vor, erlebe ich manchmal Skepsis"

Diakonie-Vorstand Thorsten Nolting über das Verhältnis zur Kirche

Thorsten Nolting. Foto: Erol Gurian

Thorsten Nolting ist beides: Diakonie-Vorstand und Pfarrer. Ihm ist es wichtig, dass die beiden Institutionen gut miteinander können - und dennoch spürt er Unterschiede. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erzählt der Vorstand der Diakonie München und Oberbayern, warum ihm manchmal Skepsis entgegenschlägt, wenn er sich als Pfarrer vorstellt, warum er als Diakonievertreter mehr Wertschätzung erfährt - und was es gebracht hat, den altehrwürdigen Namen „Innere Mission München“ zu streichen.

epd-Gespräch: Christiane Ried

epd: Herr Nolting, Sie sind seit Juni 2020 im Amt. Eine Ihrer ersten Amtshandlungen war die Umbenennung der "Inneren Mission München" in "Diakonie München und Oberbayern". Was hat die Namensänderung gebracht?


Nolting: Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben gesagt: "Endlich ist dieser altmodische Name weg." Wenn wir uns jetzt bei den Menschen vorstellen, dann wird sofort verstanden, wer wir sind und was wir machen. Die Menschen wissen, was Diakonie ist. Bei "Mission" war das schon nicht mehr ganz der Fall, niemand will ja missioniert werden. Aber klar: Vielen tut es auch weh, dass der alte Name nun weg ist. Da war schon eine große Verbundenheit zu spüren. Aber die Umbenennung war der richtige Weg - einfach um uns verständlich zu machen.


epd: Sie sind Pfarrer und auch Diakoniechef. Sie kennen also beide Seiten. Wie stehen Kirche und Diakonie zueinander?


Thorsten Nolting: Das Verhältnis zwischen Diakonie und Kirche muss immer wieder neu bestimmt werden. Ich freue mich, wenn das Verhältnis lebendig ist - nicht die Unterscheidung ist wichtig, sondern das Miteinander. Wenn eine Kirchengemeinde zum Beispiel merkt, dass sie viele einsame Menschen hat, dann können Kirche und Diakonie vor Ort gemeinsam ein Angebot entwickeln.


epd: Hat Diakonie nicht vielleicht den besseren Ruf bei den Menschen? Sie betreibt Seniorenheime, Kitas, sie hat Angebote für Jugendliche. Zur Kirche haben die Menschen wahrscheinlich weniger direkten Bezug...


Nolting: Den Eindruck habe ich auch. Wenn ich mich hier in München als Pfarrer vorstelle - da schlägt mir tatsächlich in manchen Kreisen leichte Skepsis entgegen. Das war vor 20 Jahren noch anders. Da wurde noch gesagt: "Pfarrer, toll! Denen kann man vertrauen." Aber seitdem ist schon etwas verrutscht, wahrscheinlich vor allem wegen der ganzen Debatten um sexuellen Missbrauch und die scheinbare Unreformierbarkeit der katholischen Kirche in den vergangenen Jahren. Stelle ich mich dagegen als jemand von der Diakonie vor, dann erfahre ich sofort viel Offenheit und Wertschätzung. Das ist jetzt zwar eine ganz persönliche Beobachtung von mir, aber wahrscheinlich kann man sie schon verallgemeinern.


epd: Woher kommt diese Wertschätzung für Diakonie?


Nolting: Die Diakonie ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen und dadurch auch in der öffentlichen Wahrnehmung präsenter geworden. Wir haben Kitas, Ganztagsangebote an Schulen, Jugendhilfeangebote, Pflege, Sozialkaufhäuser - ganz vielfältig. Die Diakonie ist eine bundesweite Marke, das steigert nochmal die Bekanntheit. Das ist bei Kirche übrigens genauso, das gilt für positive wie negative Schlagzeilen.


epd: Wie gehen Sie damit um? Es schlagen ja zwei Herzen in Ihrer Brust...


Nolting: Dass die Diakonie so wertgeschätzt und im Bewusstsein verankert ist, freut mich natürlich. Aber ich bin Pfarrer und somit auch Kirche, ich sehe mich als beides. Die Diakonie repräsentiert ja mit ihren Einrichtungen die Kirche. Dass so viele Leute meiner Kirche den Rücken kehren, tut mir jedenfalls schon weh.


epd: Oberkirchenrat Stefan Blumtritt hat vor wenigen Wochen im epd-Gespräch über das Verhältnis von Kirche und Diakonie gesprochen und dabei auch gesagt, dass Bereiche der Diakonie fremdfinanziert seien und die Diakonie daher aufpassen müsse, dass sie sich nicht in einer gewissen Weise dem Staat "ausliefert". Was sagen Sie dazu?


Nolting: Dass die Diakonie fremdfinanziert ist, liegt ja daran, dass wir als Kirche über Jahrhunderte dafür gekämpft haben, dass es eine staatlich finanzierte Wohlfahrt gibt. Wir wollten doch einen Sozialstaat! Und der Staat finanziert nun eben mal Träger, die Engagement zeigen und die Gesellschaft positiv gestalten. Und da gehören die kirchlichen Einrichtungen wie Diakonie und Caritas eben dazu. Das beweist ja nur, dass wir einen guten Job machen. Und die Kirche lebt ja wie der Staat auch von Steuern und erhält Staatsleistungen für Kitas, Beratungsangebote, Jugendtreffs,... Sie ist also auch in gewisser Weise fremdfinanziert. Sind Steuern für die Kirche edleres Geld als Steuern für den Staat?


epd: Häufig wird auch kritisiert, dass man ein evangelisches Seniorenheim von einem staatlichen eigentlich gar nicht so richtig unterscheiden kann. Sehen Sie das auch so? Und was macht nun eigentlich den Charakter einer evangelischen Kita oder eines evangelischen Seniorenheimes aus?


Nolting: Wir als Evangelische haben die Tradition der Nächstenliebe, der Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und des friedlichen Miteinanders. Und das, gepaart mit einer Atmosphäre der Zugewandtheit, soll sich auch in unseren Einrichtungen spiegeln. Wenn diese Prinzipien auch in einer städtischen Einrichtung gelebt werden - umso besser! Darüber freue ich mich doch und ärgere mich nicht, dass ich mein Alleinstellungsmerkmal los bin.

von: epd/Christiane Ried

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