Inklusion – wenn Arbeit mehr ist als nur ein Job

Diakonia ist der größte inklusive Arbeitgeber in Bayern

Bild des Mitarbeiter Ivan Gavor – er etikettiert im diakonia-Kaufhauses Waren
Mitarbeiter Ivan Gavor – lieber arbeiten als Däumchen drehen

Sinnvolle Arbeit kann für das Selbstbewusstsein und die Entwicklung von Menschen eine wichtige Rolle spielen. Deshalb betont die UN-Behindertenrechtskonvention auch das Recht auf Arbeit für Menschen mit Handicap. Bei der diakonia GmbH leben die Mitarbeiter*innen dieses Recht auf vielfältige und sehr praktische Weise. Das funktioniert in vielen Gewerken – und ist ein Gewinn für alle Seiten.

Wer zu Stefan Reichlmair will, folgt am besten dem eigenen Gehör. Es dauert nicht lange, bis sein volles Lachen aus einem der Büros in die Halle dringt. Es geht vorbei an Paletten mit gestapelten Waren. Weiter hinten können Mitarbeiter*innen sich in einer Sitzecke unterhalten oder eine Runde am Tischkicker spielen.

Der 30-Jährige sitzt an seinem Bildschirm. Erst auf den zweiten Blick fällt die übergroße Schrift auf. Der Bürokaufmann leidet an einer Augenkrankheit, die seine Sehkraft enorm beeinträchtigt. Deshalb arbeitet er mit einer Vergrößerungssoftware und kann mit der Kamera zu seiner Linken Dokumente vergrößern.

„Ich beschaffe bei diakonia Büromaterial, verwalte die Tankkarten für die rund 30 Fahrzeuge und unsere Druckgeräte“, beschreibt er seine wichtigsten Aufgaben im Fachgebiet Organisation. Was ihm dabei Spaß macht? „Die Arbeit ist sehr vielfältig und ich fühle mich unter all den Mitarbeiter*innen pudelwohl“, antwortet er. Seit 2016 arbeitet er im Münchner Norden. Dafür nimmt er täglich eine mindestens einstündige Anreise aus dem Landkreis Dachau in Kauf. Homeoffice kommt für ihn nicht in Frage. Das ist mehr als ein Bekenntnis.

„Stefan Reichlmair arbeitet sehr gerne unter Menschen und sein Lachen zu hören, macht uns allen gute Laune“, sagt Prokuristin Stephanie Kramer. Der Bürokaufmann ist einer von rund 280 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten der diakonia GmbH. Und gehört zu jenen 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die ein Handicap zu tragen haben. Wobei nicht alle von ihnen einen Inklusionsbedarf haben, also technische Hilfsmittel wie der 30-Jährige benötigen.

diakonia ist Bayerns größter inklusiver Arbeitgeber

„Damit sind wir der größte inklusive Arbeitgeber in Bayern“, sagt die Sozialpädagogin. diakonia betreibt ein Kaufhaus sowie mehrere Secondhandläden, einen Malerbetrieb, ein Logistikunternehmen, mit der Tiptop Box ein Recycling-Unternehmen und mit diakonia inhouse Hauswirtschaft und Catering. Die Regiestelle Hauswirtschaft als Qualifizierungsprojekt und mehrere Beratungsstellen runden das Angebot von diakonia ab. „So können wir sehr unterschiedliche Gewerke und inklusive Arbeitsplätze anbieten“, erklärt Stephanie Kramer. Diese stehen nicht nur Menschen wie Stefan Reichlmair offen. Auch langzeitarbeitslose Menschen können hierdurch ins Arbeitsleben wieder integriert werden, genauso psychisch erkrankte oder suchtkranke Menschen.

Und diese Arbeitsplätze werden nach wie vor gebraucht. Zwar ist die Arbeitslosenquote von Menschen mit Behinderung Ende 2022 auf einen historischen Tiefstand von elf Prozent gesunken. Damit war die Quote unter Menschen mit Handicap laut Inklusionsbarometer[1] dennoch doppelt so hoch wie die allgemeine Arbeitslosenquote.

Stefan Reichlmair kann trotzdem ruhig schlafen. Er hat jetzt einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Das war 2016 noch anders. „Damals war ich auf Arbeitssuche und bin auf die Ausschreibung von diakonia gestoßen“, erzählt er. „Die haben mich zu einem 14-tägigen Praktikum eingeladen, danach wollten sie mich haben“, fügt er lächelnd hinzu.

Nicht alle bewerben sich initiativ, weiß Stephanie Kramer: „Wir arbeiten eng mit den Jobcentern und Bildungsträgern zusammen.“ Die vermitteln Menschen mit Handicap auch an diakonia. Viele starten wie Stefan Reichlmair mit einem Praktikum. Dabei können sich beide Seiten kennenlernen. Wenn es für alle passt, werden aus Praktikant*innen Beschäftigte. Und erhalten einen auf ein Jahr befristeten Vertrag. Dieser wird bei guter Leistung ein weiteres Mal verlängert, danach erhalten die Mitarbeiter*innen einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

Noch arbeiten Ivan Gavor und Ramona Klaus befristet. „Eigentlich wollte ich Altenpflegerin werden, aber dann habe ich hier ein Praktikum gemacht und seitdem will ich nicht mehr weg“, sagt die 44-Jährige. In den Ohren trägt sie Hörgeräte. Mit Ivan Gavor unterhält sie sich in der Deutschen Gebärdensprache (DGS). Ihre Gebärden fliegen nur so hin und her. Nicken, lachen, weiterreden. „Das geht allerdings nur in der Mittagspause, denn im Gebäude können nur drei Mitarbeiter*innen die Gebärdensprache“, sagt Ivan Gavor.

Ihre Arbeit ist mehr als nur ein Job

Während sie im ersten Stock in der Möbelabteilung arbeitet, zeichnet Ivan Gavor im Untergeschoss Produkte aus. „Die Preise habe ich fast alle im Kopf, aber ich kann auch in der Tabelle nachschauen“, erzählt der 62-Jährige mit seinen Händen.

Für beide ist ihre Arbeit mehr als nur ein Job, für den es Geld gibt. „Einmal im Monat gehen wir mit den Kolleg*innen gemeinsam essen“, sagt Ramona Klaus und es klingt durch, wie wichtig und schön das für die Mutter von drei Kindern ist. Die 44-Jährige legt Preise für Möbel fest, die aus der Spendenannahme in den Verkauf kommen. Ein Bürostuhl für 30 Euro, ein Unterschrank mit Rollen für 25 Euro, Massivholztische um die 150 Euro. Zwischen all den Schnäppchen steht aber auch ein edler Holztisch mit eingelassener Graphikplatte für 600 Euro.

Besonders am Samstag ist der Verkaufsraum voll, gerade schauen sich ein Dutzend Kund*innen um. „Ich arbeite gerne im Verkauf, berate die Kund*innen und helfe ihnen gerne weiter“, sagt sie. Auch Ivan Gavor hat Spaß an seiner Arbeit. Der 62-Jährige hat schon als Schlosser, technischer Zeichner und CAD-Konstrukteur gearbeitet, war aber wegen seiner Behinderung auch immer mal wieder arbeitslos. „Hier lerne ich immer wieder etwas Neues“, hebt er die positiven Seiten seines Jobs hervor. „Und natürlich arbeite ich lieber als dass ich arbeitslos zu Hause sitze“, sagt Ivan Gavor. Sein erklärtes Ziel: „Ich will bis zur Rente hier arbeiten.“

Sinnvolle Arbeit eröffnet Perspektiven

Sinnvolle Arbeit kann für das Wohlbefinden von Menschen eine wichtige Rolle spielen. „Wenn wir Menschen Arbeit ermöglichen, können sie Selbstwirksamkeit erfahren, Selbstvertrauen aufbauen und ein selbstbestimmtes Leben führen“, sagt Stephanie Kramer. Darauf haben Menschen mit Handicap ein Recht. Artikel 27 der UN-Behindertenrechtskonvention betont das Recht auf Arbeit für Menschen mit Handicap. Deutschland hat diese am 24. Februar 2009 ratifiziert. Seitdem hat sich viel Positives getan.

„Die Gesellschaft ist insbesondere hinsichtlich sichtbarer Einschränkungen von Menschen mit Handicap sensibler geworden, auch wenn es an der praktischen Umsetzung noch hapert“, sagt Stephanie Kramer. Das Hilfesystem habe sich über die Jahre weiterentwickelt und sei – besonders in einer reichen Stadt wie München – sehr ausdifferenziert. Damit sind auch die Ansprüche an die eigene Arbeit gestiegen. „Die Zeiten, an denen Menschen mit Handicap sinnbefreite Arbeiten zugewiesen bekommen haben nach dem Motto Hauptsache Arbeit sind vorbei“, sagt diakonia-Geschäftsführer Thomas Rosenberger. Das macht auch Sinn.

Inklusion kostet – und spart Geld

Klar ist, das Hilfesystem kostet – und spart gleichzeitig Geld. So kann jeder Arbeitgeber für inklusive Beschäftigte technische Mittel beantragen. „Als gemeinnütziges Inklusionsunternehmen erhalten wir jedoch auch strukturelle Mittel. Dank dieser können wir unsere inklusiven Mitarbeiter*innen direkt und indirekt unterstützen, indem wir zum Beispiel zusätzliche Betreuungskräfte anstellen und diese auch schulen“, sagt Stephanie Kramer. Auf der anderen Seite erwirtschaftet diakonia mit ihren Dienstleistungen rund 50 Prozent ihrer (Personal-)Ausgaben selbst. „Dazu kommt der gesellschaftliche Mehrwert, weil wir Menschen eine Perspektive geben“, fügt sie hinzu.

Marktwirtschaftliches Spannungsfeld statt Kuscheloase

Klar ist aber auch, dass sich die diakonia GmbH und ihre Mitarbeiter*innen in einem marktwirtschaftlichen Spannungsfeld bewegen. Zum einen existiert in dem Sozialunternehmen sehr geballtes Wissen über und mit Inklusion. So dürfen zum Beispiel Arbeit durchaus mal etwas länger dauern. Andererseits unterliegen die Mitarbeiter*innen auch den Zwängen der Marktwirtschaft. „Ob wir einen Malerjob erledigen oder ein Café mit Kuchen, eine Kita mit dem Mittagessen versorgen, die Qualität muss stimmen, Lieferzeiten eingehalten werden, sonst sind wir raus“, erklärt Thomas Rosenberger. Leistung ist auch bei diakonia kein Schimpfwort.

Diese Herausforderungen können den einen oder anderen überfordern. Dann muss ein Inklusionsunternehmen mit diesen Menschen einen Schritt zurückgehen. Andererseits darf man seinen Mitarbeiter*innen auch was zutrauen. Menschen wachsen in der Regel an ihren Aufgaben und wer sie bewältigt, zieht daraus Selbstbewusstsein und Bestätigung. Das gilt zum Beispiel auch für Vanessa Weigold.

Die 30-Jährige braucht auch ein Hörgerät, liest ihrem Gegenüber aber lieber von den Lippen ab. Wenn es bei der Kommunikation hakt, greifen alle im Team zum Notizblock. „Mit den meisten meiner Kolleg*innen funktioniert das sehr gut“, sagt sie. Zurzeit streicht sie mit anderen die Flure und Türzargen eines riesigen Bürokomplexes. „Wenn ein Abgabetermin naht, müssen wir eben Überstunden machen“, sagt sie lapidar. Seit 2014 gehört sie dem Malerteam an. Decken streichen ist nicht gerade ihre Lieblingsbeschäftigung, weiß Raimund Müller, einer von drei Malermeistern im Betrieb. Er setzt sie auch lieber für Arbeiten ein, wo akkurat und exakt gearbeitet werden muss. Zum Beispiel bei den Türzargen, die keine Fehler verzeihen. „Sie ist unsere Lackierkönigin“, sagt er grinsend. Vanessa Weigold grinst zurück. Sie weiß, er meint es auch so.


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