"Wir tabuisieren nicht"

Jeder Mensch hat ein Recht auf selbst­bestimmtes Sterben – und auf einen assistierten Suizid. Dorothea Bergmann über die Folgen des Verfassungs­gerichtsurteils und die Haltung dazu.

Dorothea Bergmann berät und unterstützt die Diakonie München und Oberbayern bereits seit 2012 in ethischen Fragen

Das Bundesverfassungsgericht hat 2020 das bisherige Verbot der sogenannten geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung für verfassungswidrig und die einschränkenden Regelungen für einen assistierten Suizid im Strafgesetzbuch für nichtig erklärt. Ein Gespräch mit Dorothea Bergmann, Pfarrerin und Leiterin der Fachstelle Spiritualität – Palliative Care – Ethik – Seelsorge (SPES) der Hilfe im Alter, über die Folgen des Urteils, die Haltung der Diakonie München und Oberbayern und Auswirkungen im Pflegeberuf.

Frau Bergmann, welche Bedeutung hat das Urteil für die Diakonie München und Oberbayern?

Kurz gesagt: Dass alles so ist wie vorher. Erstens können wir Menschen mit Sterbe- bzw. Suizidwünschen wieder vernünftig beraten und mit ihnen im Dialog bleiben, ohne dass diese Unterstützung bereits als geschäftsmäßige Beihilfe gedeutet wird. Zweitens gesteht die Entscheidung allen Menschen das Grundrecht auf einen assistierten Suizid bzw. auf eine entsprechende Unterstützung in Form von Medikamenten zu. Das ist natürlich durchaus kritisch zu sehen: Denn wie gehen wir als Gesellschaft mit denjenigen um, die zum Beispiel aus Liebeskummer oder aus finanziellen Gründen aus dem Leben scheiden wollen? Wo enden individuelle Freiheit, Selbstbestimmung und Autonomie und wer entscheidet das? Wer definiert, wann ein Leben als würdevoll gilt und wann nicht (mehr)?

Als großer diakonischer Träger in München und Bayern mussten wir uns Gedanken machen, welche Position wir zur Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes beziehen – schließlich haben wir zahlreiche Mitarbeitende, die das Thema unmittelbar betrifft. Ich denke da im Besonderen an unsere Pflegekräfte und Mitarbeitenden und natürlich an die Menschen, die in unseren Einrichtungen leben.

Die Diakonie München und Oberbayern betreibt unter anderem zehn Pflegezentren in München und Oberbayern: Wie gehen Sie hier konkret mit dem Thema „Assistierter Suizid“ um?

Wir diskutieren und besprechen unsere Position sehr aktiv in den Einrichtungen. Es ist wichtig, dass die Pflegekräfte und die Mitarbeitenden sich persönlich damit auseinandersetzen und unsere Haltung kennen. Wir müssen uns fragen: Was brauchen unsere Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen, wenn das Thema intern aufkommt? Als diakonische Einrichtung haben wir natürlich immer den Anspruch, das Leben an sich zu stützen und zu schützen. Aber wenn jemand einen Suizidwunsch äußert, nehmen wir das ernst und tabuisieren das Ganze nicht: Unser Anspruch ist es vielmehr zu verstehen, was die persönlichen Beweggründe und Treiber für diese Gedanken sind. Denn nicht jeder Sterbewunsch ist am Ende ein Suizidwunsch – oftmals artikulieren die Menschen damit eine existenzielle Not und den Wunsch nach einem Gespräch. Wir versuchen dann gemeinsam herauszuarbeiten, was im eigenen Leben sinnhaft ist und Erfüllung verschafft. Das ist der entscheidende Schritt vor einem assistierten Suizid!

Welche Aufgabe kommt der Fachstelle für Spiritualität, Ethik, Palliative Care und Seelsorge der Hilfe im Alter in diesem Zusammenhang zu?

Wir reflektieren die Gesamtpositionierung aus ethischer Sicht und begleiten die Pflegeteams in ihrer Auseinandersetzung mit der Thematik. Außerdem definieren wir Handlungsspielräume sowie Grenzen im Spannungsfeld von Sorge/Fürsorge um unsere Klient*innen und deren Selbstbestimmung. Ein wichtiger Punkt sind die ethischen Fallbesprechungen mit unseren Mitarbeiter*innen. Hier sitzen alle zum gemeinsamen Austausch sowie zur gegenseitigen Beratung an einem Tisch, die das Thema bzw. der Einzelfall betrifft – von den Angehörigen über die Pflegekräfte den Hausarzt, die Hospizbegleiter bis hin zu unseren Seelsorger*innen

Klar ist: Wir respektieren am Ende die Wünsche und Bedürfnisse unserer Bewohner*innen, selbst wenn Sie unseren eigenen Wertvorstellungen widersprechen. Dazu gehört auch, sie auf ihrem letzten Weg würdevoll und bestmöglich zu begleiten und nicht allein zu lassen. Allerdings assistieren wir nicht bei einem Suizid und stellen keinen Kontakt zu entsprechenden Dienstleistern her.

Unser Ziel ist immer, jedem Menschen eine Beratung und Fürsorge zukommen zu lassen, die seinen Lebenswillen stärkt, um ihm vielleicht dabei zu helfen, für sich andere Optionen als den Suizid zu finden. Letztendlich bleibt aber der Betroffene selbst derjenige dem die Deutung darüber zukommt, was für ihn würdiges Leben bis zuletzt bedeutet und Lebensqualität auch wenn wir es als Begleitende anders sehen.

Positionspapier: Vom Umgang mit dem assisitierten Suizid


Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum selbstbestimmten Sterben und zum assistierten Suizid hat auch in Kirche und Diakonie eine Diskussion über die richtige Haltung dazu ausgelöst, denn es hat konkrete Auswirkungen auf den Arbeitsalltag vieler Mitarbeiter*innen. In einem Positionspapier der Hilfe im Alter finden Sie Orientierung.

Dialog


Haben Sie Fragen? Anmerkungen? Kritik? Sie können gerne mit Dorothea Bergmann und der Fachstelle SPES in Kontakt treten.

Kommentar

Die Diakonie steht für das Leben. Sie stärkt Menschen möglichst frei und selbstbestimmt zu leben. Wie aber können Mitarbeitende damit umgehen, wenn Klient*innen ihr leben selbst beenden möchten? Pfarrer Michael Frieß nimmt in seinem Kommentar Stellung dazu.

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Beratung und Begleitung

Für Menschen in allen Lebens- und Notlagen bietet die Diakonie München und Oberbayern ein breites Beratungsspektrum an.